Moderne Sekundärprävention – Schnittstellenmanagement zwischen Allgemeinmediziner und
Kardiologe
Autor: Priv. Doz. Dr. Klaus Distelmaier, PhD, FESC – Herz Zentrum Währing
Anamnese
Eine 73-jährige Patientin wird bei ihrem Allgemeinmediziner erstmals sechs Wochen nach Myokardinfarkt
vorstellig. Dem vorliegenden Entlassungsbrief des behandelnden Krankenhauses sind folgende Informationen zu
entnehmen:
Aufnahmegrund: ST-Hebungsinfarkt der Vorderwand
Herzkatheter: Wiedereröffnung der proximal verschlossenen linken Koronararterie (LAD) und
Implantation eines drug-eluting Stents (3,5 x 24 mm). Primär konservatives Procedere der signifikanten
Stenose der mittleren
rechten Koronararterie (RCA). Intervention in 2. Sitzung im Intervall geplant.
Echokardiographie: Leicht reduzierte systolische Linksventrikelfunktion mit Akinesien im
Bereich der Vorderwand, gute Rechtsventrikelfunktion, keine höhergradigen Vitien.
Kardiovaskuläre Vorgeschichte: bland
Kardiovaskuläre Risikofaktoren:
Adipositas Grad I, Body-Mass-Index 31 kg/m²
Chronischer Nikotinabusus, 37 pack years
Diabetes mellitus, HbA1c 7,3%
Arterielle Hypertonie
Hyperlipidämie
Lipidprofil (therapienaiv):
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Triglyceride:
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310 mg/dL |
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Cholesterin:
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247 mg/dL |
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HDL-Cholesterin:
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35 mg/dL |
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LDL-Cholesterin:
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150 mg/dL |
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LDL/HDL Quotient:
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4,3 |
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Non-HDL-Cholesterin:
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212 mg/dL |
Entlassungsmedikation:
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Acetylsalicylsäure 100 mg
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1-0-0 |
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Prasugrel 10 mg
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1-0-0 |
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Rosuvastatin 40 mg
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1-0-0 |
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Ezetimib 10mg
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1-0-0 |
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Metformin 1000 mg
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1-0-1 |
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Empagliflozin 25 mg
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1-0-0 |
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Bisoprolol 2,5 mg
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1-0-0 |
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Ramipril 5 mg
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1-0-0 |
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Pantoprazol 40 mg
|
1-0-0 |
Auflösung
Antwort 2 ist korrekt.
Bei Patienten mit etablierter atherosklerotischer Herz-Kreislauf-Erkrankung wird entsprechend der
aktuellen Leitlinien für „Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen“ der European Society of Cardiology in
einem ersten Schritt eine Reduktion des LDL-Cholesterins um 50 % und ein Zielwert von <70 mg/dl empfohlen. Bei
Personen mit hohen Triglycerid-Werten, Diabetes mellitus, Adipositas oder sehr niedrigem LDL-C wird
non-HDL-C oder Apolipoprotein B für die Risikobestimmung und als Zielparameter empfohlen. Hier gilt in einem
ersten Schritt ein non-HDL-Cholesterin Zielwert <100 mg/dL.
Nachdem für die Cholesterinsenkung in der Sekundärprävention das Prinzip „the lower the better“ gilt, wäre
als richtige Antwort auch sofort eine Reduktion des LDL-Cholesterins um 50 % und ein Zielwert von < 55 mg/dl
(non-HDL-Cholesterin < 85 mg/dL) richtig.
Antwort 1 ist falsch
Um das kardiovaskuläre-Risiko und mikrovaskuläre Komplikationen zu verringern wird ein
HbA1c-Zielwert von <7,0 % empfohlen.
Antwort 3 ist falsch
Der HDL-Ratio sollen nicht mehr zur Risikostratifizierung oder als Therapieziel herangezogen
werden.
Antwort 4 ist falsch
Bei erhöhten Triglycerid-Werten wird das non-HDL-Cholesterin für die Risikobestimmung und
als Zielparameter empfohlen.
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Prozedere
Im Rahmen der allgemeinmedizinischen Kontrolle berichtet die Patientin über ein subjektives
Wohlbefinden (CCS I und NYHA I). Das vorliegende Blutdruck-Protokoll zeigt systolische
Blutdruckwerte von maximal 145 mmHg. Nikotinkarenz wird seit dem Myokardinfarkt strikt eingehalten
und eine Ernährungs- und Lebensstilmodifikation wurde nach Einschulung durch eine
Ernährungsberaterin ebenfalls eingeleitet. Die empfohlene stationäre kardiovaskuläre Rehabilitation
wurde von der Patientin abgelehnt, da sie ihren dementen Gatten pflegen muss. Auch wenn die
derzeitige medikamentöse Therapie sehr gut vertragen wird, so möchte die Patientin doch unbedingt
die Anzahl der täglichen Medikamente reduzieren.
Das aktuelle Labor sechs Wochen nach Therapieumstellung schaut wie folgt aus:
Lipidprofil, (Rosuvastatin 40 mg und Ezetimib 10 mg):
| Triglyceride: |
146 mg/dL |
| Cholesterin: |
140 mg/dL |
| HDL-Cholesterin: |
42 mg/dL |
| LDL-Cholesterin: |
69 mg/dL |
| Non-HDL: |
98 mg/dl |
| Lipoprotein (a): |
125 nmol/L |
Auflösung
Antwort 3 ist korrekt.
Bei allen Patienten mit etablierter atherosklerotischer Herz-Kreislauf-Erkrankung
wird empfohlen, das Rauchen aufzugeben, einen gesunden Lebensstil anzunehmen und Risikofaktoren
zu behandeln. Hierbei wird in einem ersten Schritt eine Reduktion des LDL-Cholesterins um 50 %
und ein Zielwert von < 70 mg/dL (non-HDL-Cholesterin < 100 mg/dL) empfohlen. Eine weitere
Intensivierung der Behandlung durch Anstreben niedrigerer Behandlungsziele ist bei den
meisten Patienten von Vorteil und muss in einem zweiten Schritt unter Berücksichtigung des
10-Jahres-CVD-Risikos, der Begleiterkrankungen, des Lebenszeitrisikos und des
Behandlungsnutzens, der Gebrechlichkeit und der Patientenpräferenzen evaluiert werden.
Antwort 1 ist falsch
Primäres Therapieziel (LDL-Cholesterin < 70 mg/dL, non-HDL-Cholesterin < 100 mg/dL) ist
erreicht, es soll jedoch in einem zweiten Schritt das kardiovaskuläre Risiko zur
Evaluierung einer intensivierten Sekundärprävention abgeschätzt werden.
Antwort 2 ist falsch
Primäres Therapieziel (LDL-Cholesterin < 70 mg/dL, non-HDL-Cholesterin < 100
mg/dL) ist erreicht, es soll jedoch in einem zweiten Schritt das
kardiovaskuläre Risiko zur Evaluierung einer intensivierten
Sekundärprävention abgeschätzt werden. Sollte nach sorgfältiger Abschätzung
des kardiovaskulären Risikos sich gemeinsam mit der Patientin gegen eine
intensivierte Sekundärprävention entschieden werden, so gilt es jedoch
unbedingt die bestehende Lipidtherapie fortzuführen.
Antwort 4 ist falsch
Der SCORE2 Algorithmus dient der Abschätzung des 10-Jahres-Risikos einer
Person für tödliche und nicht-tödliche kardiovaskuläre-Ereignisse
ausschließlich bei anscheinend gesunden Menschen im Alter von 40—69
Jahren mit unbehandelten oder seit mehreren Jahren stabilen
Risikofaktoren ab. Bei Menschen im Alter von ≥ 70 Jahren wird der
SCORE2-OP verwendet. Der SCORE2 Algorithmus gilt nicht für Personen mit
dokumentierter atherosklerotischer Herz-Kreislauf-Erkrankung oder
anderen Hochrisikomerkmalen wie Diabetes mellitus, familiäre
Hyperlipidämie, oder anderen genetischen oder seltenen Lipid- oder
Blutdruckstörungen, chronische Niereninsuffizienz und auch nicht für
schwangere Frauen.
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Mit dem vorliegenden Lipidprofil wird die Patientin zur weiteren
kardiovaskulären Risikostratifizierung dem niedergelassenen Kardiologen
überwiesen. Als Grundlage für eine intensivierte Sekundärprävention wird das
verbleibende 10-Jahres-CVD-Risiko, der kalkulierte Behandlungsnutzen, die
vorliegenden Komorbiditäten, die Gebrechlichkeit der Patientin und auch die
Präferenzen der Patientin herangezogen.
Der behandelnde Kardiologe
berücksichtigt bei der Abschätzung des individuellen Risikos unserer
Patientin Alter, St.p. intensiver Nikotinabusus, Diabetes mellitus, koronare
Zwei-Gefäßerkrankung, Blutdruckwerte, non-HDL-Cholesterin und das erhöhte
Lipoprotein(a). Eine Duplexsonographie der supraaortalen Arterien zeigt
ausgeprägte, hämodynamisch nicht wirksame Plaques im Bereich der
extracraniellen Carotiden beidseits.
In Zusammenschau der Befunde
qualifiziert sich die Patientin bei sehr hohem kardiovaskulärem Risiko und
großem Behandlungsnutzen für eine intensivierte Sekundärprävention.
Therapieziele:
- LDL-Cholesterin < 55 mg/dL, non-HDL-Cholesterin < 85 mg/dL
- Systolischer Blutdruck < 130 mmHg
- Therapie mit SGLT2-Inhibitoren oder GLP-1-Rezeptor-Agonisten
Die Patientin wird umfassend über die Risikokonstellation und
Therapieoptionen aufgeklärt und in einen gemeinsamen Entscheidungsprozess
wird die Therapie entsprechend adaptiert. Neben einer Adaption der
Lipidtherapie, wird auch die Blutdruck-Therapie eskaliert. Eine Kontrolle
des Lipidprofils und des Blutdrucks ist 4-6 Wochen über den betreuenden
Allgemeinmediziner geplant. Ein Termin zur geplanten Intervention der
rechten Koronararterie wird vereinbart.
Auflösung
Antwort 4 ist korrekt.
Für Patienten in der Sekundärprävention, die ihre Ziele mit einer maximal
verträglichen Dosis eines Statins und Ezetimib nicht erreichen, wird eine
Kombinationstherapie mit einem PCSK9-Inhibitor empfohlen.
Antwort 3 ist falsch
Eine ergänzende Therapie mit Fibraten kann bei Patienten angedacht werden, die mit
Statinen den LDL-Cholesterin Zielwert erreicht haben, jedoch weiterhin
Triglycerid-Werte von >200 mg/dl aufweisen.
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